Freitag, 7. September 2012

BpB startet Debatte zu politischer Bildung 2.0

Vor wenigen Tagen ist auf dem - an dieser Stelle schon häufig empfohlenen - #pb21-Blog ein Beitrag von Guido Brombach erschienen mit dem Titel: "Welche Kompetenzen braucht politische Bildung 2.0?", der kurze Zeit später auch als Gastbeitrag auf der Website der BpB veröffentlicht wurde, dort mit dem Ziel, eine Debatte zu eröffnen.

Im Kern geht es darum, dass zu den bisherigen inhaltlichen, methodisch-didaktischen und allgemein-pädagogischen Fertigkeiten, über die politische BildnerInnen (im Idealfall) verfügen (sollten), nun das hinzutreten muss, was man meistens als digital literacy oder Medienkompetenz bezeichnet. Dem ist ohne Zweifel zuzustimmen, auch wenn politische BildnerInnen (aus guten Gründen) häufig schon mit den bisherigen Kompetenzen und Anforderungen (auch ohne die digitale Komponente) überfordert waren.

Übrigens würde auch anderen BildnerInnen ein möglichst hohes Maß an digital literacy gut zu Gesicht stehen, warum also ist der Beitrag nicht überschrieben mit "Welche Kompetenzen braucht man, wenn man im Bildungsbereich arbeitet"? Was ist das für die politische Bildung spezifische? Brombachs Antwort lautet: Partizipation. Und hier setzt meine Kritik ein.

Seit einigen Jahren ist Partizipation das Modewort in der politischen Bildung. Brombach scheint davon auszugehen, dass politische Bildung nur dann erfolgreich ist, wenn am Schluss Partizipation praktiziert wird, also die Seminargruppe zumindest eine Online-Petition auf der Website des Bundestags einreicht oder ein anderes der durch die Digitalisierung und das Web 2.0 hinzugekommenen Instrumente nutzt.

Nun bin ich seit über zwei Jahrzehnten in der politischen Bildung tätig und habe mit fast jeder denkbaren Zielgruppe (Schülerinnen, Studenten, Lehrerinnen, Professoren, Ministerialbürokratie, Polizei, Armee, Journalisten, Bauernverbände etc.) gearbeitet, und das in vielen verschiedenen settings (Universität, Akademien, NGOs etc.). Lasse ich nun meine Erfahrungen Revue passieren, so komme ich zu dem ernüchternden Schluss, dass es in aller Regel gar nicht sinnvoll gewesen wäre, als Seminarergebnis eine gemeinsame Petition zu verfassen.

Nach Brombach waren meine Bemühungen um politische Bildung damit erfolglos, weil die entscheidende Komponente, Partizipation, fehlte. Oder ich habe einfach zu oft die falschen Themen behandelt, nämlich diejenigen, die sich nicht mit Partizipation krönen lassen. Und hier kommen wir zum Kern meiner Kritik:

Wenn Partizipation eine zu große Rolle spielt, dann werden bevorzugt Themen behandelt, die sich dafür eignen (oder für eine Partizipations-Illusion, aber das ist ein anderer Kritikpunkt). Das sind in der Regel nicht die komplexen und/oder globalen Themen, politische Bildung droht dann zu einer provinzialistischen civic education bzw. EDC (Education for Democratic Citizenship), zumindest aber einseitig zu werden.

Wenn die TeilnehmerInnen in meinen Seminaren am Schluss in der Lage waren, sich selbständig ein fundiertes Urteil über die behandelte Thematik zu bilden, war ich zufrieden. Ob sie sich darüber hinaus - wenn überhaupt die Möglichkeit bestand - in irgendeiner Form in den politischen Prozess eingebracht haben, habe ich gerne ihnen selbst überlassen, denn die Freiheit, sich nicht zu beteiligen, bildet eine große Errungenschaft der Demokratie, auch und gerade im Gegensatz zu totalitären Systemen.

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